Gustav - Kirchengemeinde Uelitz

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Der Moskwitsch und der liebe Gott

Bei trockenem und gutem Wetter waren die vielen notwendigen Dienstfahrten mit dem Motorrad angenehm. Weniger erfreulich war es bei Sturm und Regen. Als wir wieder einmal bei sehr unangenehmem Wetter unterwegs waren, weil ich eine Beerdigung zu halten hatte, wurde mir hernach von einen Leidtragenden die Möglichkeit geboten, einen alten Opel zu erwerben. Auf diese Weise kamen wir in den Besitz eines alten Wagens. Das hielten wir anfangs für eine günstige Gelegenheit, um endlich einmal einen richtigen Ur­laub zu machen. Wir packten unser kleines Zelt, Gummimatratzen und was sonst noch zu einer Urlaubsreise und zum Zelten notwendig war in den Wagen und fuhren zum Stechlinsee, den Fontane so wunder- bar beschrieben hat. Damals durfte man noch direkt am See parken. Wir konnten unser Zelt auf­schlagen und in dieser unberührten Natur, einer wunderschönen Landschaft und einer großen, erholsamen Stille unseren ersten gemeinsamen Urlaub so recht genießen.

Der Urlaub war zwar kurz, aber sehr schön. Doch der Wagen war keine reine Freude. Er war eben alt und hatte schon recht erhebliche Altersschwächen. Er brauchte viel zuviel Öl, kam kaum über 50 km in der Stun- de und konnte längere Steigungen nur mit großer Mühe schaffen. Das Schlimmste war, dass wir uns nicht auf den Wagen verlassen konnten. Das sollten wir ausgerechnet an einem Sonntag zu spüren bekommen. Das Motorrad war wieder einmal in der Werkstatt. Darum mussten wir den alten Wagen nehmen. Als wir dann aber zurückfahren wollten zur Kirche am Pfarrort, da streikte der Wagen, und ich hatte große Mühe, ihn zum Fahren zu überreden. Dadurch verspäteten wir uns. Ausgerechnet an diesem Tag war ein Oberkirchenrat bei uns zum Gottesdienst in der Kirche. Als er meine Verspätung bemerkte, begann er mit der Gemeinde ein Lied zu singen. Die Verspätung war mir sehr peinlich. Aber was hilft es. Bei der Gemeinde entschuldigte ich mich, begrüßte kurz den Oberkirchenrat und hielt den Gottesdienst.

Mir aber war klar, dass wir den alten Wagen nicht gebrauchen konnten und ihn so bald wie möglich einem Interessenten weitergeben mussten. Aber ich verspürte auch, dass die Dienstfahrten mit dem Motorrad bei jedem Wind und Wetter unserer Gesundheit auf die Dauer nicht zuträglich waren. Das wusste auch unser Bischof und hatte mir schon vor einiger Zeit Hilfe bei der Anschaffung eines Wagens zugesagt. Doch wo gab es damals einen neuen oder wenigstens zuverlässigen Wagen? Seitdem waren weitere zwei Jahre vergangen. Als ich dann wieder einmal mit dem Motorrad in der Werkstatt war, hörte ich zufällig, wie darüber gesprochen wurde, dass eine Autofirma in Schwerin russische Wagen bekommen hätte, die aber nur an Tierärzte zur Verteilung kommen sollten. Das machte mich hellhörig. Sofort nahm ich mein Motorrad, ohne erst den kleinen Schaden beheben zu lassen, und fuhr in die Stadt. Tatsachlich waren bei der Firma sieben russische Wagen zum Verkauf angekommen. Das bestätigte der Verkäufer, fügte aber sofort hinzu: „Die sind aber nur für Tierärzte bestimmt und sind auch schon vergeben." Als ich dann aber noch zögerte und sagte, ich sei zwar kein Tierarzt, müsse aber als Pastor auch immer Landwege fahren, fügte er noch hinzu, ein Wagen sei allerdings noch nicht abgenommen. Wenn der bis zum anderen Morgen nicht geholt werde, dann wäre viel- leicht noch etwas zu machen. Auf jeden Fall ließ ich meine Telefonnummer da mit der Bitte, mich gegebenenfalls anzurufen. Und doch war es eine Überraschung, als am anderen Morgen das Telefon klingelte und von der Autofirma angerufen wurde, dass ich den Wagen bekommen könnte, wenn ich bis Mittag einen Scheck mit der Verkaufssumme vorlegen könnte. Das brachte mich natürlich sehr in Schwung. Schnell holte ich das Motorrad aus dem Stall und fuhr zum Oberkirchenrat, um mit dem Bischof zu sprechen. „Sie können ihn jetzt nicht sprechen. Er ist in einer Sitzung." Das war die Antwort. Aber ich ließ mich nicht abweisen, weil meine Angelegenheit keinen Aufschub zuließ. Daraufhin wurde der Bischof benachrichtigt. Er kam aus der Sitzung, und ich konnte vortragen, worum es ging und warum keine Zeit zu verlieren war.

Der Bischof sah ein, dass es so schnell gehen musste, sagte aber auch, dass er über den notwendigen Betrag von 15 000 Mark nicht allein verfügen könnte, und holte noch zwei weitere Herren aus der Sitzung. Auf diese Weise erhielt ich den Scheck über den geforderten Betrag, allerdings mit dem Hinweis, dass 5000 Mark in Raten von meinem Gehalt abgezogen würden. Froh eilte ich dann mit dem Scheck zur Autofirma, kam gerade noch rechtzeitig und erhielt den Wagen.

Es war kurz vor dem Beginn des Konfirmandenunterrichts, als ich mit dem neuen Wagen aus Schwerin zum Pfarrhof kam. Die ganze Schar der Jungen und Mädchen wartete schon darauf, dass ich aus dem Hause herauskommen und sie in den Konfirmandensaal zum Unterricht rufen würde. Als sie mich aber dann mit dem neuen "Moskwitsch" auf den Hof kommen sahen, machte es großes Aufsehen, und ich musste erst eine Runde um das Rondell des Pfarrhofes drehen, ehe ich mit dem Unterricht beginnen konnte.

Die Neugier der Kinder war groß. Sie wollten gerne wissen, wie ich zu dem Wagen gekommen war. Da habe ich dann davon gesprochen, dass Gott uns mitunter auf wunderbare Weise das gibt, was wir in seinem Dienst nötig brauchen. So bin ich zu dem Wagen gekommen.

Die Tatsache, dass ich einen neuen "Moskwitsch" hatte, hat nicht nur bei den Konfirmanden, sondern auch im ganzen Dorf Aufsehen erregt. Hinzu kam noch, dass die Konfirmanden das, was ich darüber zu ihnen ge- sagt hatte, nun in ihrer kindlichen Weise erzählten und weitergaben: "Der Pastor hat einen neuen Wagen, den hat er vom lieben Gott." Als meine Frau dann auch wieder aus dem Krankenhaus zurück war, sagten die Kinder in der Christenlehre zu ihr: "Frau Pastor, sagen Sie uns doch die Telefonnummer vom lieben Gott, damit er uns auch einen Wagen herunterwirft."

Der Tag, an dem ich zum ersten Mal mit dem Wagen zu den anderen Kirchen zum Gottesdienst fahren konnte, war ein Wahltag, und ich musste am Wahllokal vorbeifahren. Das ärgerte offensichtlich die Verantwortlichen, die da herumstanden. Denn am Tage danach kam der Ortspolizist und Abschnittsbevollmächtigte, um mit mir über den Wagen zu reden. Er sagte: "Sie gehen nicht zur Wahl, aber fahren einen russischen Wagen und dann sagen Sie auch noch, Sie haben ihn vom lieben Gott. Den haben doch die Gottlosen gebaut." Darauf stellte ich die Frage: "Woher wissen Sie, dass es Gottlose waren?" Zweimal wiederholte er seine Behauptung, ich blieb bei meiner Gegenfrage. Schließlich räumte er ein: "In Russland gibt es auch Fromme." Damit verabschiedete sich der Vertreter der Staatsgewalt.

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